Die aktuellen Neuigkeiten aus unserer Pfarrgemeinde:
- Vermeldungen: 19. Mai bis 25. Mai 2012 (PDF, 181 KB) – Bitte achten Sie auch auf die Aushänge!
Ein Segen für unsere drei Kirchgemeinden
Autor dieses Beitrags:
Willi Tasch und Pfarrer Wilhelm Palesch
Vorwort zu den Ausführungen von Herrn Pfarrer Wilhelm Palesch über seinen 20-jährigen priesterlichen Einsatz in Russland
Am Kirmessonntag wurde uns im Festhochamt durch Pfarrer Bolle unser neuer Pfarrpensionär Wilhelm Palesch vorgestellt. Er wohnt inzwischen im renovierten Küsterhaus. Gott Dank, dass dieses wieder bewohnt wird. Wir drei Kirchgemeinden können uns glücklich schätzen, einen noch so rüstigen Pfarrer (78) bei uns zu haben. Pfarrer Palesch hielt am Sonntag, den 24.Oktober seine erste Sonntagsmesse bei uns in Lengenfeld. In dieser heiligen Messe stellte er sich persönlich uns Kirchenbesuchern vor. So erfuhren wir, dass er in den letzten 20 Jahren seinen priesterlichen Dienst in Russland ausgeübt hat, was wir Gläubigen mit großem Interesse zur Kenntnis nahmen. Damit wir ihn alle kennenlernen, habe ich ihn gebeten, uns über seinen priesterlichen Einsatz im fernen Russland im „Lengenfelder Echo“ zu berichten. Dieser meiner Bitte ist er gern nachgekommen, wofür ich ihm hiermit danken möchte.
Willi Tasch
So berichtet er:
Bericht über Pfarrer Paleschs Leben und Wirken in Russland
Befiehl dem Herrn Deine Wege und vertraue ihm, er wird es fügen - Ps 73
Am Weltmissionssonntag habe ich mich der Gemeinde in Lengenfeld vorgestellt und von meiner Arbeit in Russland berichtet. Nun bin ich gebeten worden, in einem kurzen Artikel dies auch für die Leser des „Lengenfelder Echos“ zu tun. Ich wurde oft gefragt, warum und ob ich denn damals freiwillig nach Russland gegangen bin. Die Rektorin des fremdsprachlichen Instituts in Tscheljabinsk hat direkt gefragt: „Hat sie der Vatikan geschickt?“ Ich konnte sagen, mich hat der liebe Gott geschickt. Schon sehr früh hat mir Gott diesen Gedanken ins Herz gelegt.
Im letzten Priesterseminar fragte ich unseren Pater Spiritual, ob diese Gedanken von Gott sind, oder ob ich mit diesen Träumen nur dem strengen Alltag des Seminars entfliehen möchte. Pater Spiritual antwortete so: „Dieses kommunistische System kann sich auch noch 10 Jahre halten, wenn Ihr Wunsch auch dann noch besteht, dann war er von Gott.“
Das System hat sich noch 30 Jahre gehalten, und mein Wunsch war noch stärker geworden. Im Oktober 1989 machte ich zusammen mit Pfr. Pohl aus Gerbershausen mit einer Reisegruppe eine Fahrt nach Mittelasien und besuchte die ehemaligen Sowjetrepubliken Usbekistan, Kasachstan und Tatschikistan. Nach den täglichen Exkursionen mit der Reisegruppe nahmen wir abends ein Taxi und ließen uns zu den katholischen deutschen Gemeinden der Stadt bringen. Erstaunlicherweise fanden wir sie überall in Mittelasien.
Woher kamen diese Deutschen? Es waren Russlanddeutsche, die die Zarin Katharina II 1763 an der Wolga, in der Ukraine, am Kaukasus und am Schwarzen Meer angesiedelt hatte, und die bei Beginn des Krieges 1941 von Stalin nach Sibirien und in die asiatischen Republiken deportiert wurden, und lebten dort als katholische Minderheit unter muslimischer Bevölkerung.
Wir baten sie, uns private Einladungen zu schicken, damit wir sie im nächsten Jahr für längere Zeit besuchen könnten. Ich bekam dann auch zwei Einladungen, mit denen ich dann im Juni 1990 losfuhr. In Taschkent traf ich einen katholischen Priester, der mir sagte: „Gehen Sie nach Tscheljabinsk, auch dort finden sie eine katholische Gemeinde, die auf einen Priester wartet“. Nach 50 Stunden Bahnfahrt erreichte ich also Tscheljabinsk. Tscheljabinsk ist eine Industriestadt im Südural mit 1,1 Millionen Einwohnern. Auch hier leben russlanddeutsche Katholiken zusammen mit orthodoxen Christen, Muslimen und Buddhisten.
Nach der Deportation aus ihren Siedlungsgebieten wurden alle arbeitsfähigen Männer und Frauen von ihren Familien getrennt und in Arbeitslagern interniert. Mütter durften bei ihren Kinder bleiben, bis das jüngste drei Jahre alt war, dann mussten sie ihre Kinder bei Verwandten unterbringen und dem Stellungsbefehl folgen. Nach Tscheljabinsk wurden zigtausende gebracht, um die Rüstungsindustrie hinter dem Ural aufzubauen. Man nannte sie die „Trudarmia“ die Arbeitsarmee. 23.000 dieser Trudarmisten sind allein in Tscheljabinsk an Hunger, Kälte und Überarbeitung gestorben. Erst 1956 wurden sie aus den Lagern entlassen, sie konnten sich überall niederlassen außer in ihren ehemaligen Siedlungsgebieten. Die meisten blieben in Tscheljabinsk und holten auch ihre Familien nach, denn hier hatten sie Arbeit, bekamen nach und nach Wohnungen oder bauten sich eigene Häuser.
Diese Menschen waren entwurzelt und heimatlos. Sie hatten alles verloren, aber ihren Glauben bewahrt. Was sie vermissten, waren ihre Kirchen, ihre Gemeinden, die Priester und die Eucharistiefeier. Sie versammelten sich zum gemeinsamen Gebet, zuerst in den Baracken, später in ihren Wohnungen, aber das war verboten, denn es war ein Verstoß gegen das Versammlungsgesetz, denn sie waren nicht als religiöse Vereinigung registriert.
Endlich, 1982, war es ihnen nach vielen Schwierigkeiten gelungen, als kath. Gemeinde anerkannt zu werden und auch ein kleines Haus zu erwerben, das sie als Kapelle einrichteten. Hier trafen sie sich jetzt jeden Sonntag und in der Woche noch zweimal und beteten den Rosenkranz, alle Litaneien und die Messandacht aus einem Gebetbuch, das sie noch aus der Heimat gerettet hatten. Was ihnen jetzt noch fehlte, war ein Priester, der für sie die hl. Messe feiern konnte. Es gelang ihnen, in Kasachstan einen 80-jährigen polnischen Priester ausfindig zu machen, der bereit war, ein Mal im Monat zu ihnen zu kommen, die Sakramente zu spenden und die hl. Messe zu lesen.
Am ersten Sonntag im August 1990 kam ich in diese Gemeinde und feierte mit ihnen die erste hl. Messe. Ich kann Euch die Freude nicht beschreiben, mit der ich empfangen wurde. Die Leute baten mich, bei ihnen zu bleiben, aber ich musste zum l. September wieder in Rüstungen sein. „Im nächsten Jahr im Urlaub komme ich wieder und bleibe längere Zeit bei Euch“, sagte ich. Aber sie baten: „Kommen Sie zu Weihnachten.“. „Das ist ganz ausgeschlossen, denn zu Weihnachten werde ich in meinen Gemeinden gebraucht.“ „Wir werden beten, dass sie Weihnachten bei uns sind.“ Sie beteten und Weihnachten 1990 war ich ein zweites Mal in Tscheljabinsk. Da ich für meine Gemeinden zu Hause eine gute Vertretung gefunden hatte, konnte ich meine Aufenthalte in Tscheljabinsk öfter wiederholen, bis mich im Oktober 1992 Bischof Wanke für den Seelsorgedienst in Russland freistellte.
Die Arbeit in dieser Gemeinde machte mir große Freude. Am Glaubenszeugnis dieser Menschen konnte ich meinen eigenen Glauben aufrichten. Nach der langen Ära des Atheismus war in Russland ein Hunger nach Gott aufgebrochen. Unsere kleine Gemeinde begann zu wachsen. Zunehmend besuchten unseren deutschen Gottesdienst auch Menschen, die die deutsche Sprache nicht verstanden; also mussten wir neben der deutschen Messe auch noch einen Gottesdienst in russischer Sprache ansetzen. Es fehlten uns aber die liturgischen Texte und Kirchenlieder in russischer Sprache, aber die Russischlehrerinnen der Gemeinde waren uns dabei eine große Hilfe. Der Gottesdienst in russischer Sprache wurde immer mehr besucht, während es im deutschen Gottesdienst immer weniger wurden, denn die Deutschen packten ihre Koffer und reisten nach Deutschland.
Dann aber kam ein Problem auf mich zu, dem ich nicht gewachsen schien. „Wir wollen eine richtige Kirche bauen“, sagten die Väter der Gemeinde. „Wir haben schon einen Bauplatz, auch die Bodenuntersuchungen sind schon abgeschlossen.“ Man schleppte mich zur Stadtbaudirektorin und in das Architekturbüro; überall fand ich für dieses Vorhaben offene Türen. „Wir brauchen nur eine Idee, wie eine katholische Kirche auszusehen hat und das entsprechende Geld, alles andere machen wir.“ „Für wen wollt ihr denn die Kirche bauen“, fragte ich die Kirchenväter. „Ihr wollt doch alle nach Deutschland ausreisen“. „Das, ja, aber es werden andere kommen, denn in Russland bleibt ein heiliger Ort nicht leer.“
So stürzte ich mich in das größte Abenteuer meines Lebens. Trotz aller Hindernisse und Bedenken, am 26. Oktober 1993 begannen wir mit dem ersten Spatenstich den Bau unserer Kirche.
Während der ganzen Bauzeit haben wir spürbar die Hilfe Gottes erfahren. Gott hat uns die richtigen Leute geschickt, er hat uns auch das nötige Geld finden lassen, sodass Bischof Joseph Werth die fertige Kirche einweihen konnte. Seitdem wächst unsere Gemeinde trotz der Abwanderung der deutschen Stammgemeinde. In jedem Gottesdienst sieht man neue Gesichter. Manche kommen und gehen wieder, andere wiederum bleiben und melden sich zum Glaubenskurs an, in dem sie sich im Laufe eines Jahres auf die Taufe oder Erstkommunion vorbereiten.
Jedes Jahr in der Osternacht empfangen ca. 20 Erwachsene die Taufe und etwa 15 die Erstkommunion. Im Laufe des Jahres haben wir auch noch 20 bis 30 Kindertaufen. An Sonntagen haben wir 150 bis 200 Gottesdienstbesucher und an Festtagen wie zu Weihnachten und Ostern können es auch bis 4oo sein.
Wir betreuen auch Gläubige auf sechs Außenstationen in einer Entfernung von 50 bis 340 km, allerdings nur einmal im Monat.
Gott hat in den vergangenen 20 Jahren unsere Arbeit in der Gemeinde Tscheljabinsk gesegnet, und ich bete, dass der Segen Gottes auch weiterhin die Gemeinde erhält.
Pfarrer Wilhelm Palesch
